Kollektion 4: NUNFTverSTAND

Das Wort Verstand setzt sich aus der Vorsilbe ver- und dem Stamm des Wortes für die Bedeutung des Stehens zusammen – und das ist kein Zufall, sondern ziemlich präzise gedacht.

  1. Stehen bezeichnet zunächst etwas sehr Konkretes: Halt haben, feststehen, nicht umfallen. Es geht um Stabilität und Position.
  2. Die Vorsilbe ver hat im Deutschen oft die Bedeutung von Veränderung, Übergang oder Bezug auf etwas anderes (ver-arbeiten, ver-gleichen, ver-langen).
  3. Ver-stehen meint daher sich zu etwas in ein Verhältnis stellen, einen Standpunkt dazu einnehmen.
  4. Verstand ist damit die Fähigkeit, etwas so vor sich hinzustellen, dass es Halt bekommt – im Denken, nicht im Raum.
  5. Wer etwas versteht, steht also gedanklich richtig dazu: nicht schwankend, nicht bloß fühlend, sondern begrifflich gefestigt.

Kurz gesag:

Verstand ist die Fähigkeit, im Denken Stand zu haben. Kein Gefühl, kein Rausch, kein Reflex – sondern Haltung im Kopf.

Auch das Wort Vernunft beginnt mit der Vorsilbe ver. Der dann folgende Wortbestandteil -nunft wirkt erst einmal rätselhaft. Er geht zurück auf das althochdeutsche numft / nunft, das so viel bedeutete wie Erfassung, Einsicht, inneres Erfassen. Verwandt ist es mit dem Verb vernehmen – also wahrnehmen, aufnehmen, mitbekommen.

Während der Verstand etwas fest hinstellt, nimmt die Vernunft etwas in sich auf und verbindet es. Die Vorsilbe ver- verstärkt auch hier: nicht bloß hören, sondern durchdringen, zusammennehmen.

  • Verstand = Stand haben im Denken
  • Vernunft = Zusammenhänge vernehmen und darüber hinausgehen

Und nach dem großen Imanuel Kant ist Verstand das Vermögen, sinnliche Eindrücke zu ordnen und zu Begriffen zu formen. Der Verstand arbeitet mit Kategorien wie Raum, Zeit, Ursache, Substanz oder Wechselwirkung und macht Erfahrung überhaupt erst möglich.

Die Vernunft geht nach Kant dagegen darüber hinaus: Sie sucht nach dem Unbedingten, nach letzten Gründen und Zusammenhängen. Dabei überschreitet sie notwendig die Erfahrung und generiert Ideen wie Freiheit, Gott oder die Welt als Ganzes.

Kurz gesagt: Der Verstand erkennt, was ist – die Vernunft fragt, was es bedeuten soll, und stößt dabei an ihre Grenzen.

Der Verstand ist mit anderen Worten das Werkzeug der Vernunft. Er erkennt das sinnlich Wahrgenommene als Objekte in Zeit und Raum und setzt diese in Relation miteinander.

Nicht mehr und nicht weniger!

Vernunft ist dagegen die Fähigkeit, Wahrgenommenes zusammenzunehmen und auf Sinn, Zweck und Zusammenhang hin zu befragen.

Deshalb ist bei Kant der Verstand das ordnende Werkzeug und die Vernunft die antreibende Instanz, die nach dem Warum, dem Ganzen, dem Unbedingten fragt. Die Vernunft nutzt dieses Werkzeug und überschreitet dabei die Grenze des sinnlich Wahrnehmbaren, indem sie Begriffe und Ideen mit Bedeutungen kreiert, die nicht mehr sinnlich wahrnehmbar sind. Sie kann nicht anders. Das ist kein Fehler – das ist ihr Job! Aber der Wahrheitsgehalt ihrer Begriffe und Ideen bleibt spekulativ. Deshalb verwickelt sie sich auch immer wieder in unlösbare Widersprüche, was im besten Fall zu unendlichen Diskussionen führt. Im schlimmsten Fall zu Mord und Totschlag.

Der Verstand gibt Halt in der Wahrnehmung. Die Vernunft gibt Richtung, aber keine Wahrheit.

Menschen, die beides verwechseln, fangen früher oder später an, sich gegenseitig zu erschlagen.

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