Eine der großen Fragen der Philosophie ist die nach der Moral:
Wie findet man eine widerspruchslose Argumentation für moralisch richtiges Verhalten?
Spätestens seit Kant ist klar, dass diese Frage von der reinen Vernunft nicht beantwortet werden kann. Allerdings hat Kant dennoch eine Antwort gefunden:
Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.
Er nannte diesen moralischen Leitspruch den Kategorischen Imperativ und seine argumentative Herleitung Praktische Vernunft.
Kannst du damit etwas anfangen? Oder denkst du: Kein Bock auf Philosophie-Vorlesung! Hilft mir nicht weiter!
Doch vermutlich ist das viel näher am Alltag, als du denkst.
Ich merke zum Beispiel, dass ich fortwährend Dinge bewerte, auch wenn ich weiß, dass es objektiv kein klares Gut und Böse gibt. Reels, diese lustigen Kurzfilme auf Instagram, halte ich für schlecht. Nicht theoretisch, sondern praktisch. Sie nehmen mir etwas, ohne dass ich es sofort merke: Zeit, Aufmerksamkeit, vielleicht sogar die Fähigkeit, Langeweile auszuhalten.
Ähnlich ist es mit Zucker. Ich esse jeden Tag ein Eis. Das ist kein Problem, solange ich es begrenze. Eine Packung auf vier Tage verteilt – das funktioniert. Bei Schokolade ist es anders. Da verliere ich schneller die Kontrolle und fühle mich danach schlecht. Also versuche ich, sie zu vermeiden.
Das Interessante ist: Ich brauche keine objektive Moral, um diese Unterschiede zu spüren. Es reicht, dass ich wahrnehme, was mir gut tut und was nicht.
Vielleicht liegt genau darin der Anfang von Ethik. Nicht in großen Prinzipien, sondern in der Erfahrung, dass bestimmte Dinge mein Bewusstsein eher klären, während andere es vernebeln.
Und bezüglich dem Verhalten gegenüber anderen Menschen orientiere ich mich daran, wie auch ich behandelt werden möchte. Ich handele nach einem Grundsatz, von dem ich mir wünsche, dass ihn auch andere Menschen ihrem Handeln zugrunde legen würden.
Vielleicht ist Kants Leitsatz am Ende nichts anderes als genau dieser einfache Gedanke – nur etwas komplizierter formuliert.
Der gesunde Menschenverstand des Volkes kennt dieses Prinzip schon lange:
Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg' auch keinem and‘ren zu.
Vielleicht ist Moral am Ende einfacher, als wir denken – ganz ohne theoretischen Überbau.
2 Kommentare
Lieber Alexander,
erst einmal vielen Dank für deinen Beitrag!
Ich denke, ich verstehe, was du sagen willst. Ich entgegne auch immer, dass das Blödsinn ist, wenn mir jemand weismachen will, dass es im Sinne einer stringenten Beweisführung nicht möglich wäre, z.B. Faschismus als etwas Böses zu klassifizieren.
Ich möchte aber zu Bedenken geben, dass Kant die Kritik der reinen Vernunft schrieb, weil er u.A. genau das gesucht hat: Die Bedingungen der Möglichkeit für eine erkenntnistheoretisch zwingend wahre ethische Argumentation.
Er hat sie bekanntlich nicht gefunden und deshalb die reine von der praktischen Vernunft abgegrenzt. Und mit Hilfe der praktischen Vernunft ist es dann über den Begriff der Freiheit doch möglich, ein zwingendes moralischen Prinzip aufzustellen, nämlich eben jenen kategorischen Imperativ.
Mich überzeugt Kants Argumentation.
Mit dem Beitrag “Zwischen Reels und Eis” wollte ich aber eigentlich nur folgendes sagen: Abseits schwieriger philosophischer Debatten über Ethik gibt es ein inneres moralisches Gefühl, das für den Alltag vollkommen ausreicht.
Liebe Grüße, Peter
Lieber Peter,
dass es keinen objektiven Unterschied zwischen Gut und Böse geben würde, ist kompletter Unsinn. Natürlich gibt es das, wie die vielen Beispiele fruchtbarer und konstruktiver Veränderungen der Verhältnisse des Lebens auf der Erde zeigen. Etwas anderes sind philosophische Gedankenkonstrukte, die allzu oft auf absoluten und sozusagen objektiven Wahrheiten gründen, die einer strikten Prüfung nicht standhalten können. Ganz im Unterschied zu den Gedanken an Menschenrechte und Nächstenliebe, die nicht mit Maßstäben des Bösen gemessen werden müssen…