Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!

Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!

Mit diesem ebenso derben wie treffenden Spruch brachte Dieter Nuhr einen bereits sehr alten philosophischen Gedanken auf Kabarettniveau.

Dieter Nuhr ist ein Kabarettist, der durchaus polarisiert. Man kann ihm vieles vorwerfen, eines aber sicherlich nicht: dass er dumm wäre. Und so steckt hinter seinem etwas vulgären Ausspruch weit mehr philosophische Weisheit, als man auf den ersten Blick vermuten könnte.

Bereits dem griechischen Philosophen Sokrates, der im 5. Jahrhundert vor Christus lebte, wird die berühmte Erkenntnis zugeschrieben:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Auch wenn dieser Satz in seiner bekannten Form nicht wörtlich von Sokrates überliefert ist, bringt er doch einen seiner wesentlichen Gedanken zum Ausdruck: Wahre Weisheit beginnt mit der Einsicht in die Grenzen des eigenen Wissens.

Sokrates gilt als einer der Begründer der westlichen Philosophie. Seine besondere Leistung bestand nicht darin, auf alles eine Antwort zu haben. Vielmehr stellte er Fragen. Er hinterfragte vermeintliche Gewissheiten und brachte seine Gesprächspartner nicht selten zu der unangenehmen Erkenntnis, dass sie über Dinge, von denen sie fest überzeugt waren, eigentlich erstaunlich wenig wussten.

Mehr als zweitausend Jahre später war es mein Lieblingsphilosoph Immanuel Kant, der diesen Gedanken auf eine neue philosophische Grundlage stellte.

Kant untersuchte in seiner Kritik der reinen Vernunft die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis. Er wollte nicht nur wissen, was wir erkennen können, sondern vor allem auch, was wir nicht erkennen können.

Seine Philosophie lässt sich in diesem Zusammenhang auf eine Kernthese zuspitzen:

Aufklärung beginnt nicht damit, auf alles eine Antwort zu haben, sondern damit, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen.

Das bedeutet keineswegs, dass wir auf Erkenntnis verzichten sollten. Ganz im Gegenteil. Kant forderte den Menschen ausdrücklich dazu auf, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Doch wer vernünftig denken will, muss auch erkennen können, wo die Möglichkeiten seiner Erkenntnis enden.

Im Jahr 1921 erschien schließlich Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Dieses philosophische Werk endet mit einem der berühmtesten Sätze der Philosophiegeschichte:

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Wittgenstein beschäftigte sich dabei mit einer etwas anderen Fragestellung. Ihm ging es um die Grenzen dessen, was sich überhaupt sinnvoll in Sprache ausdrücken lässt. Seine Überlegung war, dass es Dinge gibt, die sich nicht in sinnvolle Aussagen fassen lassen und über die man deshalb besser schweigt, statt mit Worten eine Erkenntnis vorzutäuschen, die sich sprachlich gar nicht formulieren lässt.

Sokrates, Kant und Wittgenstein beschäftigten sich also mit unterschiedlichen Problemen. Dennoch verbindet sie ein grundlegender Gedanke: Die Fähigkeit, Grenzen anzuerkennen, ist kein Zeichen geistiger Schwäche, sondern eine wesentliche Voraussetzung vernünftigen Denkens.

Die Gesellschaft der Meinungsinhaber

Wir leben in einer Gesellschaft, in der offenbar jeder zu allem eine Meinung haben soll.

Politik, Klimawandel, künstliche Intelligenz, Wirtschaft, Wissenschaft oder gesellschaftliche Entwicklungen: Kaum taucht ein neues Thema auf, stehen bereits die Experten bereit. Besonders diejenigen, die sich fünf Minuten zuvor zum ersten Mal damit beschäftigt haben.

In den sozialen Medien lässt sich dieses Phänomen besonders eindrucksvoll beobachten. Dort werden komplizierte Sachverhalte mit einer Selbstverständlichkeit beurteilt, die vermuten lässt, dass jahrzehntelange wissenschaftliche Forschung eigentlich vollkommen überflüssig gewesen sein muss.

Dabei ist einer der wichtigsten Schritte zur Erkenntnis die Einsicht, etwas nicht zu wissen.

Doch warum fällt uns das so schwer?

Warum halten wir Menschen, die mit großer Überzeugung auftreten, häufig für kompetenter als diejenigen, die ihre Zweifel offen eingestehen?

Was unterscheidet eigentlich Wissen von einer bloßen Überzeugung?

Und warum betrachten wir es so oft als Schwäche, wenn jemand zugibt, sich geirrt zu haben?

Diese Fragen führen uns zu einem weiteren Problem.

Darf man seine Meinung ändern?

Eigentlich müsste es doch als Zeichen besonderer intellektueller Stärke gelten, wenn jemand seine Überzeugungen aufgrund neuer Erkenntnisse korrigiert.

Wer dazulernt, muss schließlich bereit sein, bisherige Vorstellungen aufzugeben. Andernfalls wäre Lernen kaum möglich.

Trotzdem begegnen wir Menschen, die ihre Meinung ändern, häufig mit Misstrauen. Besonders in der Politik gilt ein Meinungswechsel schnell als Zeichen mangelnder Standhaftigkeit. Wer gestern etwas anderes vertreten hat als heute, muss sich nicht selten den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit gefallen lassen.

Schließlich muss man doch einen Standpunkt haben! Man muss auch bereit sein, eine Überzeugung zu vertreten und gegebenenfalls gegen Widerstände zu verteidigen.

Auf der anderen Seite betrachten wir aber auch Menschen kritisch, die unbeirrt an ihren Überzeugungen festhalten, selbst wenn längst überzeugende Argumente dagegen sprechen. Wer nicht bereit ist, seine Meinung angesichts neuer Erkenntnisse zu überdenken, verwechselt Standhaftigkeit mit Starrsinn. Aus einer begründeten Überzeugung wird dann schnell ein Dogma, das gegen jede Kritik verteidigt werden muss.

Ist es also eine Stärke, seine Meinung zu ändern, oder eine Schwäche? Und ist es umgekehrt eine Stärke, an seinen Überzeugungen festzuhalten, oder ein Zeichen mangelnder Einsicht?

Hier haben wir es scheinbar mit einem Widerspruch zu tun.

Aber ist es wirklich einer?

Nein. Denn es kommt, wie so häufig im Leben, ganz darauf an.

Die Weisheit der Mitte

Bereits in der griechischen Antike beschäftigten sich Philosophen mit der Frage, wie der Mensch zwischen gegensätzlichen Verhaltensweisen das richtige Maß finden könne.

Besonders Aristoteles entwickelte daraus seine Lehre von der Mitte. Für ihn lag die Tugend häufig zwischen zwei Extremen, einem Zuviel und einem Zuwenig.

Mut beispielsweise liegt zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Wer vor jeder Gefahr zurückschreckt, ist ebenso wenig mutig wie jemand, der sich vollkommen unüberlegt in jede Gefahr stürzt.

Auch in der römischen Antike begegnet uns dieser Gedanke. Der Dichter Horaz prägte das Ideal der aurea mediocritas, der goldenen Mitte.

Heute hat die Mitte allerdings keinen besonders guten Ruf.

Wer als mittelmäßig bezeichnet wird, empfindet das gewöhnlich nicht als Kompliment. Durchschnittlichkeit gilt als wenig erstrebenswert. Wir wollen außergewöhnlich sein, herausragen und möglichst eindeutige Positionen vertreten.

Dabei wird leicht übersehen, dass die philosophische Mitte keineswegs mit Mittelmäßigkeit gleichzusetzen ist.

Die vernünftige Mitte ist nicht der bequeme Kompromiss zwischen zwei Extremen, sondern das Ergebnis einer sorgfältigen Abwägung.

Sie verlangt, unterschiedliche Argumente ernst zu nehmen, Widersprüche auszuhalten und schließlich zu einem begründeten Urteil zu gelangen.

Dabei muss das Ergebnis keineswegs immer genau zwischen zwei gegensätzlichen Positionen liegen. Manchmal gibt es gute Gründe, eine sehr entschiedene Haltung einzunehmen.

Die Vernunft besteht eben nicht darin, grundsätzlich einen Mittelweg einzuschlagen. Sie besteht darin, zu erkennen, wann Standhaftigkeit angebracht ist und wann die Bereitschaft zur Veränderung.

Wer aus Bequemlichkeit ständig seine Meinung ändert, handelt ebenso wenig vernünftig wie jemand, der aus purem Stolz an einer längst widerlegten Überzeugung festhält.

Die Grenzen der Vernunft

Damit gelangen wir schließlich wieder zu Kant.

Eine der großen Leistungen seiner Philosophie bestand darin, aufzuzeigen, dass die menschliche Vernunft ihre eigenen Grenzen erkennen muss. Überschreitet sie diese, läuft sie Gefahr, sich in Widersprüche zu verwickeln und vermeintliche Erkenntnisse hervorzubringen, die sich gar nicht begründen lassen.

Dieser Gedanke lässt sich auch auf unseren alltäglichen Umgang mit Meinungen und Überzeugungen übertragen.

Problematisch wird es immer dann, wenn wir unsere eigenen Ansichten für so selbstverständlich halten, dass wir sie nicht mehr hinterfragen.

Wenn aus einer Überzeugung eine unumstößliche Gewissheit wird.

Wenn wir Argumente nicht mehr prüfen, sondern nur noch danach suchen, ob sie unsere ohnehin vorhandene Meinung bestätigen.

Und wenn wir schließlich nicht mehr zwischen dem unterscheiden können, was wir tatsächlich wissen, und dem, was wir lediglich glauben zu wissen.

Aufklärung bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Meinungen zu besitzen oder diese besonders lautstark zu vertreten.

Sie bedeutet, den eigenen Verstand zu gebrauchen, die eigenen Überzeugungen kritisch zu prüfen und jederzeit bereit zu sein, aus guten Gründen dazuzulernen.

Man darf einen Standpunkt haben. Man soll sogar einen Standpunkt haben.

Aber man sollte auch wissen, warum man ihn hat.

Und wenn man feststellt, dass die eigenen Argumente nicht ausreichen, darf man seine Meinung ändern. Manchmal muss man es sogar, wenn man sich selbst gegenüber intellektuell redlich bleiben will.

Vor allem aber sollte man sich die Freiheit bewahren, gelegentlich einfach zu sagen:

„Ich weiß es nicht.“

Denn das ist keine Kapitulation vor der Erkenntnis, sondern häufig ihr Anfang.

Oder eben, wie es der bekannte Kabarettist Dieter Nuhr auf den Punkt gebracht hat:

„Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!“

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