Heute habe ich etwas ausgesprochen Sinnvolles getan.
Ich habe bei genau 240 Produkten in meinem Shop die Bezeichnung „Bio-Baumwolle“ durch „Baumwolle (Bio)“ ersetzt.
240-mal.
Nun könnte man einwenden, dass „Bio-Baumwolle“ und „Baumwolle (Bio)“ für einen durchschnittlich sprachkundigen Menschen möglicherweise annähernd dasselbe bedeuten.
Das dachte ich zunächst auch.
Aber offenbar ist die Sache komplizierter. Bei der gesetzlich vorgeschriebenen Textilkennzeichnung dürfen nur bestimmte Bezeichnungen für Textilfasern verwendet werden. Die Faser heißt nun einmal „Baumwolle“. Dass es sich um biologisch erzeugte Baumwolle handelt, ist eine zusätzliche Information. Also nicht „Bio-Baumwolle“, sondern beispielsweise „Baumwolle (Bio)“.
Und deshalb habe ich heute 240-mal Menschen davor bewahrt, „Bio-Baumwolle“ möglicherweise mit etwas anderem zu verwechseln als mit Baumwolle, die biologisch erzeugt wurde.
Man schläft doch gleich viel ruhiger.
Nun kann man sich wunderbar darüber lustig machen. Und während ich mich durch meine Produktbeschreibungen gearbeitet habe, habe ich das auch getan.
Aber irgendwann kam mir eine ernsthaftere Frage:
Wann schlägt vernünftige Regulierung eigentlich in Bürokratie um?
Denn zunächst einmal ist die Idee hinter solchen Vorschriften vollkommen vernünftig.
Wer ein Produkt kauft, soll wissen, was er bekommt. Hersteller sollen ihre Materialien nicht mit irgendwelchen wohlklingenden Fantasiebezeichnungen versehen können. Angaben sollen eindeutig und vergleichbar sein. Und damit das funktioniert, braucht man Regeln.
Das Problem beginnt möglicherweise gerade dort, wo Regeln das tun müssen, was Regeln nun einmal tun: Sie müssen allgemein sein.
Ein Gesetz kann schlecht sagen:
„Die vorgeschriebenen Bezeichnungen sind grundsätzlich zu verwenden, außer wenn eigentlich sowieso jeder weiß, was gemeint ist und Peter gerade keine Lust hat, 240 Produktbeschreibungen zu ändern.“
Schade eigentlich.
Natürlich, wir brauchen Regeln, um Willkür zu verhindern. Je genauer wir aber versuchen, jeden denkbaren Fall durch Regeln zu erfassen, desto größer wird die Gefahr, dass irgendwann nicht mehr der Zweck einer Vorschrift im Mittelpunkt steht, sondern ihre formale Einhaltung.
Der ursprüngliche Zweck lautet vielleicht:
Der Verbraucher soll eindeutig erkennen können, aus welchem Material ein Kleidungsstück besteht.
Das ist vernünftig.
Irgendwann lautet die praktische Aufgabe dann:
Ersetze 240-mal „Bio-Baumwolle“ durch „Baumwolle (Bio)“.
Das ist formal korrekt. Ob der Verbraucher dadurch auch nur einen Millimeter aufgeklärter ist als vorher, darf zumindest gefragt werden.
Deshalb muss sich eine Regel gelegentlich die Frage gefallen lassen:
Erreiche ich eigentlich noch das, wofür ich geschaffen wurde?
Das wäre vielleicht sogar eine ganz brauchbare Definition von vernünftiger Bürokratie: Eine Bürokratie, die nicht nur kontrolliert, ob wir ihre Regeln einhalten, sondern gelegentlich auch kontrolliert, ob ihre Regeln noch vernünftig sind.
Bis dahin kann ich jedenfalls beruhigt feststellen:
In meinem Shop gibt es keine Bio-Baumwolle mehr.
Nur noch Baumwolle (Bio).
Die Menschheit ist wieder ein kleines bisschen sicherer.
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