Der kürzlich verstorbene Philosoph Jürgen Habermas stellt in seinem Aufsatz Philosophie als Platzhalter und Interpret eine spannende Frage: Welche Rolle kann Philosophie heute überhaupt noch spielen?
Früher verstand sich die Philosophie oft als eine Art oberste Instanz des Denkens. Besonders bei Immanuel Kant bekam sie eine sehr anspruchsvolle Aufgabe: Sie sollte die Grundlagen von Erkenntnis überhaupt erst klären.
Kant fragte nicht einfach:
„Was erkennen wir?“
Sondern:
„Wie ist Erkenntnis überhaupt möglich?“
Dafür entwickelte er seine sogenannte Transzendentalphilosophie. Vereinfacht gesagt untersucht Kant die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit wir überhaupt Erfahrungen machen und Dinge erkennen können.
Dabei kommt er zu dem Schluss, dass die Bedingungen unserer Erkenntnis gleichzeitig auch die Bedingungen dafür sind, wie uns überhaupt Objekte erscheinen können. Oder einfacher: Unsere Wahrnehmung der Welt ist niemals völlig roh oder ungeordnet, sondern immer schon durch bestimmte Strukturen unseres Denkens geprägt.
Damit bekommt die Philosophie bei Kant eine enorme Bedeutung: Sie untersucht nicht nur einzelne Dinge, sondern die Grundlagen aller Wissenschaften überhaupt.
Genau darin sieht Habermas allerdings auch ein Problem.
Denn wenn die Philosophie beansprucht, die Grundlagen aller Erkenntnis festzulegen, dann nimmt sie automatisch eine Art Richter- und Platzanweiserrolle ein. Sie entscheidet dann gewissermaßen:
- welche Wissenschaft legitim ist,
- welche Erkenntnis gültig ist,
- welche moralischen Ansprüche begründet sind,
- und wo die Grenzen menschlicher Erkenntnis liegen.
Habermas meint, dass die moderne Philosophie mit dieser Rolle zunehmend überfordert war und ist. Deshalb geriet Kant durch den Pragmatismus, die Hermeneutik, die Existenzphilosophie und andere moderne Denkrichtungen in die Kritik. Einige Philosophen gingen schließlich sogar so weit, den traditionellen Vernunftanspruch der Philosophie fast vollständig aufzulösen.
So weit geht Habermas nicht, aber er fasst den Anspruch der Philosophie deutlich bescheidener als Kant. Er sieht sie nicht mehr als oberste Richterin über alle Wissenschaften, sondern eher als:
- Interpretin,
- Vermittlerin,
- Platzhalterin für offene Sinnfragen.
Am Ende formuliert Habermas dazu einen sehr schönen Gedanken. Philosophie könne helfen, das Zusammenspiel zwischen
- wissenschaftlich-technischem Denken,
- moralischem Handeln,
- und ästhetischem Ausdruck
wieder in Bewegung zu setzen — wie ein Mobile, das sich verhakt hat.
Ich persönlich finde diesen Gedanken sehr überzeugend. Wobei mir Habermas zu bescheiden erscheint. Denn die einzelnen Wissenschaften können zwar Teilbereiche der Wirklichkeit hervorragend untersuchen, aber sie können ihre eigenen Voraussetzungen kaum selbst reflektieren. Auch kann die Physik keine Moral begründen, die Biologie nicht entscheiden, was Menschenwürde bedeutet. Und keine Einzelwissenschaft kann für sich allein erklären, wie all diese Bereiche zusammenhängen.
Gerade deshalb halte ich Philosophie weiterhin für unverzichtbar.
Vielleicht sollte sie nicht mehr in dem alten Sinn einer Königin der Wissenschaft herrschaftlich auftreten. Aber sie darf durchaus Orientierung geben. Sie darf und sollte nach Wahrheit, Moral und Sinn fragen. Und sie darf auch den Mut haben, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu beurteilen.
Manchmal scheint mir die moderne Philosophie zu ängstlich geworden zu sein, sobald irgendwo ein möglicher „Herrschaftsanspruch“ auftaucht. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass Denker wie Habermas stark von der Frankfurter Schule und Theoretikern wie Adorno geprägt wurden, die ein tiefes Misstrauen gegenüber Macht und Herrschaft entwickelt haben.
Doch während Philosophen oft endlos darüber diskutieren, ob Vernunft selbst schon problematisch sein könnte, erleben wir wieder verstärkt ganz reale Herrschaftsformen:
- Autokratische Systeme,
- Unterdrückung von Meinungsfreiheit,
- Propaganda,
- Lügen,
- und die Missachtung menschlicher Würde.
Gerade angesichts solcher Entwicklungen wünsche ich mir keine schwächere, sondern eine stärkere Philosophie: Eine Philosophie, die Orientierung gibt, die Freiheit verteidigt und die den Mut hat, Wahrheit nicht einfach preiszugeben.
Vielleicht liegt darin bis heute die eigentliche Aktualität von Kant.
Euer
Peter von thinkDRESS
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