Warum Aufklärung die beste Verteidigung der Freiheit ist
Im letzten Denkraum-Beitrag ging es um die Einsicht, dass zu vernünftigem Denken auch die Fähigkeit gehört, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen. Wer bereit ist, seine Überzeugungen kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren, beweist damit keine Schwäche, sondern intellektuelle Stärke.
Doch was geschieht, wenn Menschen dazu überhaupt nicht mehr bereit sind? Wenn sie an Überzeugungen festhalten, die längst durch nachprüfbare Tatsachen widerlegt wurden? Wenn sie jedes Gegenargument zurückweisen und die eigene Auffassung für die einzig mögliche Wahrheit halten?
Wie soll man solchen Menschen begegnen?
Und vor allem: Wie kann eine aufgeklärte Gesellschaft verhindern, dass sich solche Denkweisen immer weiter ausbreiten?
Wenn Argumente nicht mehr helfen
Ein besonders anschauliches Beispiel liefern die sogenannten Reichsbürger. Sie bestreiten die rechtmäßige Existenz der Bundesrepublik Deutschland und berufen sich dabei auf vermeintliche historische und juristische Zusammenhänge, die einer sachlichen Überprüfung nicht standhalten.
Nun könnte man meinen, dass sich solche Irrtümer durch entsprechende Informationen leicht ausräumen lassen müssten. Schließlich lassen sich historische Ereignisse überprüfen und juristische Sachverhalte anhand geltender Gesetze und höchstrichterlicher Entscheidungen klären.
Doch so einfach funktioniert es offenbar nicht.
Wer versucht, überzeugte Anhänger solcher Weltbilder mit sachlichen Argumenten zu erreichen, stellt häufig fest, dass diese Argumente gar nicht angenommen werden. Stattdessen werden die Quellen infrage gestellt, die Gültigkeit der Gesetze bestritten oder sogar die Institutionen, auf die man sich beruft, als Teil einer vermeintlichen Verschwörung betrachtet.
Damit entsteht ein nahezu geschlossenes Weltbild, in dem jedes Gegenargument zum weiteren Beweis für die eigene Überzeugung umgedeutet werden kann.
Die naheliegende Reaktion darauf ist verständlicherweise Ärger. Man möchte solche Menschen am liebsten mit Spott überschütten und ihnen deutlich machen, für wie absurd man ihre Vorstellungen hält.
Aber hilft das weiter?
Wohl kaum. Wer einen anderen Menschen lächerlich macht, wird ihn nur selten dazu bringen, seine Überzeugungen kritisch zu überprüfen.
Und genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung der Aufklärung.
Was Kant uns dazu sagen könnte
Immanuel Kant veröffentlichte 1784 seinen berühmten Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
Darin bezeichnete er Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Seine Aufforderung lautete:
„Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Dieser Gedanke ist ebenso einfach wie anspruchsvoll.
Aufklärung bedeutet nämlich nicht, bestimmte Überzeugungen durch andere zu ersetzen. Sie bedeutet vielmehr, Menschen dazu zu befähigen, ihre Überzeugungen eigenständig und kritisch zu überprüfen.
Wer beispielsweise einen Menschen lediglich davon überzeugt, dass eine bestimmte politische Ansicht falsch und eine andere richtig sei, hat damit noch nicht unbedingt zur Aufklärung beigetragen.
Vielleicht hat dieser Mensch einfach nur eine fremde Überzeugung gegen eine andere ausgetauscht.
Erst wenn er gelernt hat, selbst nach Gründen zu fragen, Argumente abzuwägen und zwischen Wissen und bloßer Behauptung zu unterscheiden, ist ein wesentlicher Schritt zur Aufklärung getan.
Das Ziel der Aufklärung ist deshalb nicht der Mensch mit der richtigen Meinung, sondern der Mensch, der seine Meinung vernünftig begründen und gegebenenfalls korrigieren kann.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass alle Meinungen gleichermaßen berechtigt wären. Nachweislich falsche Behauptungen bleiben falsch, auch wenn noch so viele Menschen sie für wahr halten.
Aber die Fähigkeit, Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden, ist wertvoller als die bloße Übernahme einer richtigen Antwort.
Die Grenzen der Toleranz
Nun ergibt sich daraus allerdings ein weiteres Problem.
Eine aufgeklärte Gesellschaft muss unterschiedliche Überzeugungen tolerieren. Meinungsfreiheit gehört zu ihren wichtigsten Grundlagen.
Aber muss sie auch diejenigen tolerieren, die eben diese Freiheit abschaffen wollen?
Der Philosoph Karl Popper hat dieses Problem als Toleranzparadoxon beschrieben: Uneingeschränkte Toleranz kann letztlich zur Abschaffung der Toleranz führen, wenn eine Gesellschaft ihren intoleranten Gegnern keine Grenzen setzt.
Daraus folgt allerdings keineswegs, dass jede antidemokratische Meinung verboten werden müsste.
Eine freiheitliche Gesellschaft muss auch Meinungen aushalten, die sie für falsch, abwegig oder sogar gefährlich hält.
Ihre Grenze erreicht die Toleranz dort, wo Menschen versuchen, anderen ihre grundlegenden Freiheitsrechte zu nehmen oder die freiheitliche Ordnung mit rechtswidrigen Mitteln zu beseitigen.
Das deutsche Grundgesetz trägt diesem Gedanken mit dem Prinzip der wehrhaften Demokratie Rechnung.
Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gehören zu den unverzichtbaren Grundlagen unserer politischen Ordnung. Sie sind nicht einfach beliebige politische Überzeugungen, über die je nach gesellschaftlicher Stimmung neu entschieden werden kann.
Doch selbst die beste Verfassung kann eine Demokratie nicht dauerhaft schützen, wenn die Menschen nicht mehr bereit sind, ihre Grundwerte zu verteidigen.
Und damit stellt sich eine noch grundsätzlichere Frage.
Kann eine Demokratie an sich selbst scheitern?
Demokratie beruht auf dem Willen des Volkes. Was aber geschieht, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung irgendwann keine Demokratie mehr will?
Das Grundgesetz hat dafür mit seiner Ewigkeitsklausel eine rechtliche Sicherung geschaffen. Bestimmte grundlegende Verfassungsprinzipien dürfen selbst mit einer verfassungsändernden Mehrheit nicht abgeschafft werden.
Doch auch diese Sicherung hat ihre Grenzen.
Wenn eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung und schließlich auch die staatlichen Institutionen nicht mehr bereit wären, die Verfassung zu achten, könnte sie ihre Geltung nicht allein durch ihren geschriebenen Text garantieren.
Eine Demokratie kann rechtlich gegen ihre Abschaffung geschützt werden. Gesellschaftlich unzerstörbar ist sie deshalb noch lange nicht.
Daraus ergibt sich eine wichtige Konsequenz: Die dauerhafte Existenz einer freiheitlichen Demokratie hängt nicht allein von ihren Gesetzen und Institutionen ab, sondern auch von der politischen und geistigen Haltung ihrer Bürger.
Und genau deshalb ist Aufklärung von so grundlegender Bedeutung.
Die beste Verteidigung ist die Aufklärung selbst
Es wäre vermutlich eine Illusion, zu glauben, man könne jeden überzeugten Anhänger einer geschlossenen Ideologie durch vernünftige Argumente erreichen.
Manchmal ist es aussichtslos, eine Diskussion fortzusetzen. Und niemand ist verpflichtet, seine Zeit mit endlosen Gesprächen zu verbringen, in denen jedes Argument von vornherein zurückgewiesen wird.
Doch daraus folgt keineswegs, dass man aufgeben müsste.
Vielleicht besteht die wichtigere Aufgabe ohnehin nicht darin, Menschen aus bereits verfestigten Weltbildern herauszuführen.
Vielleicht besteht sie vielmehr darin, möglichst viele andere Menschen davor zu bewahren, sich solchen Weltbildern überhaupt erst auszuliefern.
Dazu bedarf es keiner moralischen Überheblichkeit und keiner schulmeisterlichen Belehrung.
Es bedarf vielmehr der Bereitschaft, für die Vernunft zu werben. Neugier zu wecken. Fragen zu stellen. Unterschiedliche Perspektiven anzubieten und Menschen dazu einzuladen, selbst weiterzudenken.
Dabei sollte man niemals vergessen, dass auch die eigenen Überzeugungen einer kritischen Prüfung standhalten müssen.
Denn wer Aufklärung fordert, kann sich von dieser Forderung nicht selbst ausnehmen.
Und vielleicht ist das sogar ihre wichtigste Voraussetzung: die Bereitschaft, anderen Menschen mit Respekt zu begegnen, ohne deshalb auf die eigene Urteilskraft zu verzichten.
Man muss nicht jede Meinung respektieren. Aber man sollte den Menschen respektieren, der sie vertritt.
Eine solche Haltung garantiert keineswegs, dass man andere Menschen überzeugt. Doch sie schafft zumindest die Möglichkeit eines vernünftigen Gesprächs.
Und manchmal genügt bereits ein einzelner Gedanke, um eine bisher selbstverständliche Überzeugung ins Wanken zu bringen.
Aufklärung lässt sich nicht erzwingen. Aber man kann für sie werben.
Nicht mit Spott und Hohn, nicht durch Einschüchterung und schon gar nicht durch die Behauptung, selbst im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein.
Sondern indem man Menschen ermutigt, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen.
Denn die beste Verteidigung der Aufklärung besteht darin, möglichst viele Menschen zur Aufklärung zu befähigen.
Ganz im Sinne Immanuel Kants:
Sapere aude!
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