Die Inquisition

Die Inquisition

So der Titel des empfehlenswerten Zweiteilers, der in der Mediathek von Arte zu finden ist.

Im 13. Jahrhundert schuf die Kirche die Inquisition, um Andersdenkende (Häretiker) zu verfolgen. Verdächtige wurden verhaftet und hingerichtet. Das System professionalisierte sich: mit Geheimermittlungen, Zeugenbefragungen und Geständnissen als Beweismittel. Archive dokumentierten die Fälle – ein Überwachungssystem, dessen Methoden bis heute nachwirken.

Als die ursprünglichen Häresiebewegungen zunehmend zurückgedrängt waren, gerieten weitere Gruppen ins Visier. Auch der Vorwurf der Hexerei wurde zu einem Mittel der Verfolgung.

Mit der spanischen Inquisition gerieten insbesondere zum Christentum konvertierte Juden ins Visier, denen vorgeworfen wurde, heimlich an ihrem früheren Glauben festzuhalten. Dabei spielten neben religiösen und politischen Motiven auch materielle Interessen und die Beschlagnahmung von Vermögen eine Rolle.

Ich bin wieder einmal entsetzt über meine eigene Spezies. Einmal mehr denke ich: Der Mensch unterscheidet sich emotional nur unwesentlich vom Schimpansen. Sein Denkvermögen setzt er im Großen und Ganzen ein wie die uns nächstverwandte Spezies das Brusttrommeln. Das Denkvermögen dient allermeist vor allem dazu, Zugehörigkeit, Status, Macht, Selbstbild und die eigene Gruppe zu schützen. Dem Affen reichen Brustkorb und Eckzähne. Wir haben zusätzlich Sprache, Theologie, Ideologien und juristische Verfahren erfunden.

Besonders frappierend finde ich an der Inquisition, dass sie im Namen der christlichen Botschaft solche Gräueltaten begehen konnte und damit doch gerade zu dem wurde, wogegen die Botschaft Christi so nachdrücklich stand. Das neue Testament ist da doch relativ unmissverständlich, finde ich!

Die Verfahren waren so angelegt, dass eine wirksame Verteidigung massiv erschwert wurde. Das Geständnis besaß zentrale Bedeutung, und Folter konnte eingesetzt werden, um es zu erzwingen.

Wie diese Menschen – wenn man denn glauben will, dass sie wirklich von dem überzeugt waren, was sie taten – an die Wahrhaftigkeit von durch Folter bewirkten Geständnissen glauben konnten, bleibt mir dabei ein ewiges Rätsel.

Manche ihrer Methoden begegnen uns bis heute in den Repressionsapparaten autoritärer Staaten wieder. Deshalb schließe ich an meinen Beitrag vom letzten Sonntag an:

Aufklärung ist so aktuell wie eh und je!

Nicht als politische Parole, sondern im ursprünglichen Sinn: die Bereitschaft, die eigene Überzeugung immer wieder der Kritik auszusetzen. Eigentlich könnte man sagen:

Die Inquisition beginnt dort, wo eine Überzeugung nicht mehr geprüft werden darf. Und die Aufklärung beginnt dort, wo selbst die eigene Überzeugung dem Zweifel standhalten muss.

Nicht Vernunft gegen Irrationalität. Sondern Selbstkritik gegen Unfehlbarkeitsanspruch.

Und wenn man sich die Geschichte anschaut, dann merkt man leider, wie zerbrechlich dieser Unterschied ist. Jede Generation muss ihn aufs Neue verteidigen, weil die Versuchung groß ist, lieber Gewissheit zu besitzen als Zweifel auszuhalten. Genau darin liegt vielleicht die eigentliche Aufgabe der Philosophie.

Für mich ist deshalb die wichtigste Lehre aus der Inquisition: Nicht, dass Menschen grausam sein können. Das wusste man schon vorher. Sondern dass Gewissheit ohne institutionalisierte Selbstkritik zu einem System werden kann, das seine eigene Grausamkeit nicht einmal mehr erkennt. Und genau deshalb sind Rechtsstaat, Gewaltenteilung und die Möglichkeit des Widerspruchs nicht bloß juristische Feinheiten, sondern philosophische Schutzmechanismen gegen unsere eigene Neigung, uns zu sicher zu sein.

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