Kollektion 2: memento rationalitatis (K2)

Erinnere dich an die Vernunft!

Es gibt Fragen, die größer sind als wir.
Fragen, die kein Mikroskop, keine Gleichung und keine App beantworten kann.

Gibt es Gott?
Gibt es eine unsterbliche Seele?
Gibt es einen freien Wille?

Immanuel Kant nannte sie die „drei Ideen der reinen Vernunft“. Und das geniale – oder vielleicht das schmerzliche – Ergebnis seiner Philosophie ist, dass diese Fragen gestellt werden dürfen, ja sogar gestellt werden müssen. Aber dass sie nicht beantwortet werden können.

Nicht, weil die Menschheit noch nicht so weit oder nicht schlau genug wäre. Nein, sondern die Vernunft kann diese Fragen grundsätzlich nicht beantworten. Sie reicht nur so weit, wie die Erfahrung reicht. Dahinter beginnt das Denken zu spekulieren – aber nichts mehr zu wissen.

Was heißt Erfahrung in diesem Zusammenhang?

Erfahrung ist in Kants Philosophie an Anschauung gebunden. Unter Anschauungen werden Sinnesreize verstanden, die in einer räumlich-zeitlichen Dimension empfunden werden. Raum und Zeit sind nach Kant Formen, in denen der Verstand die Sinnesreize verarbeitet. Dadurch werden aus ihnen Wahrnehmungen. (Man beachte das Wort: Wahr-nehmung! Wieder ein Beispiel für die Schönheit der deutschen Sprache wie schon im letzten Blog). Erst die kausale Verkettung des Wahrgenommenen ist schließlich Erfahrung.

Auch die Kausalität ist dabei eine Form des Verstandes. Und da Kant überzeugt ist, dass sowohl Raum und Zeit als auch Kausalität Verstandeskategorien sind, die vor jeder Erfahrung überhaupt erst Erfahrung ermöglichen, schließt er daraus, dass im Erfahrungsbereich echte Erkenntnis, sprich: Wahrheit, möglich ist. Was als kausaler Zusammenhang erkannt wird, ist deshalb notwendigerweise wahr, weil Kausalität kein der Erfahrung, sondern ein dem Verstand entnommenes Prinzip ist.

Warum kann zum Beispiel mit absoluter Gewissheit gesagt werden, dass morgen wieder die Sonne aufgeht? Empirisch ist das nicht zu beweisen. Bisher ging die Sonne zwar jeden Morgen auf. Woraus ergibt sich aber das uneingeschränkte Wissen, dass es morgen immer noch so sein wird?

Der Verstand erzeugt die Wahrnehmung der Erde und der bewegten Sonne, indem er die durch sie hervorgerufenen Sinneseindrücke in Raum und Zeit einordnet und dann das Prinzip der Kausalität auf diese Wahrnehmungen anwendet. Er versteht schließlich den Zusammenhang: Die Erde ist räumlich eine Kugel und dreht sich relativ zur Sonne mit der Zeit im Raum. Die Vernunft schließt daraus mit absoluter Sicherheit, dass die Sonne morgen wieder aufgehen muss. Zumindest solange dieser kausale Zusammenhang nicht durch eine andere Kausalität – etwa den Zusammenstoß mit einem riesigen Meteoriten – gestört wird.

Einstein war übrigens gegenteiliger Meinung: Raum und Zeit sind seiner Überzeugung nach Dimensionen der Wirklichkeit. Er postulierte mit seiner Relativitätstheorie eine Raumzeit, in der die Ereignisse kausal ablaufen. Auch die Kausalität ist dementsprechend eine Eigenschaft der Wirklichkeit.

Die erfahrungsbasierten Naturwissenschaften vertreten heute keinen absoluten Wahrheitsanspruch mehr. Es gilt das von Karl Popper begründete Falsifikationsprinzip: Erkenntnis ist relativ. Sie ist nur so lange gültig, bis sie falsifiziert wird. Bis eine neue Erfahrung, ein neues Experiment zeigt, dass es doch anders ist. Erkenntnis entwickelt sich demnach ständig weiter.

Doch das sind Feinheiten.

Kant hat sich möglicherweise geirrt, was den Wahrheitsstatus von der erfahrungsbasierten Erkenntnis experimenteller Naturwissenschaften angeht. Sein großer Verdienst war und ist, die Grenzen der reinen Vernunft – und rein meint hier eben erfahrungsfrei – aufgezeigt zu haben: Wo keine Sinneswahrnehmung hinreicht und deshalb keine Erfahrung möglich ist, gibt es keine absolute Wahrheit! Alles bleibt Spekulation! Spekulationen werden zwar niemals aufhören, solange es Menschen gibt. Doch sollte niemals vergessen werden, dass es sich eben nur um Spekulationen handelt. Keine absolute Wahrheit!

Und trotzdem diskutiert die Menschheit, als wäre sie Gott.
Werfen die Menschen sich Weltanschauungen an den Kopf wie Schneebälle aus Beton.
Zwingen sich gegenseitig vermeintliche Wahrheiten auf.
Verwechseln Meinung mit Erkenntnis.
Glauben mit Wissen.

In diesem Sinne: MEMENTO RATIONALITATIS!

Diskutiere munter drauflos! Spekuliere nach Herzenslust! Aber verwechsele das niemals mit Wahrheit. Wahrheit gibt es nur im Erfahrungsbereich – dort, wo durch Sinneseindrücke kausale Zusammenhänge belegbar sind – sei diese Wahrheit nun absolut oder auch nur relativ.

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