Kollektion 3: E = mc² (K3)

Jeder kennt die Formel E = mc² – aber vermutlich wissen nur wenige Menschen, was wirklich hinter ihr steckt.

Albert Einstein leitete sie im Rahmen seiner speziellen Relativitätstheorie her. Er analysierte, wie sich die Bewegung von Körpern auf ihre Energie auswirkt. Dabei stellte er fest, dass die Gesamtenergie eines Körpers aus zwei Bestandteilen besteht:

  • Bewegungsenergie (kinetische Energie)
  • Ruheenergie – also die Energie, die ein Körper selbst dann besitzt, wenn er sich nicht bewegt.

Als er die Bewegungsgleichungen herleitete (insbesondere durch Betrachtung von Impuls und Energieerhaltung bei relativistischen Geschwindigkeiten), zeigte sich, dass ein unvermeidlicher, konstanter Term in der Gleichung auftreten muss:

E₀ = mc²

Dieser Ausdruck ergibt sich aus der relativistischen Energiegleichung:

E² = (pc)² + (mc²)²

Wenn der Impuls p null ist (also der Körper ruht), bleibt:

E = mc²

Das stammt aus der Struktur der Raum-Zeit selbst: Die Lichtgeschwindigkeit c ist die fundamentale Naturkonstante, die Zeit und Raum in der Relativitätstheorie miteinander verknüpft. Dass sie quadriert wird, ergibt sich aus der mathematischen Struktur dieser Beziehung – vergleichbar mit dem Satz des Pythagoras in vierdimensionaler Raumzeit.

Diese Formel steht für eine der grundlegendsten Erkenntnisse der modernen Physik: Energie und Materie sind zwei Seiten derselben Medaille. Materie ist geronnene Energie.

Doch was ist Energie?

Energie existiert in unterschiedlichen Formen: als kinetische Energie (Bewegung), potenzielle Energie (Lageenergie), thermische Energie (Wärme), Strahlungsenergie (Licht), elektrische Energie, chemische Energie, Kernenergie, mechanische Energie…

Und dann kam im Jahr 1905 ein bislang unbekannter Beamter des Schweizer Patentamts namens Albert Einstein daher – und behauptete: Energie ist auch Materie. Oder umgekehrt: Materie ist Energie.

Energie wird in Joule gemessen. Ein Joule ist die Arbeit, die verrichtet wird, wenn eine Kraft von einem Newton – das entspricht etwa der Gewichtskraft von 100 Gramm – über eine Strecke von einem Meter ausgeübt wird.

1 J = 1 N·m = 1 W·s = 1 kg·m²/s²

Gemäß der Formel E = mc² kann die Energie, die in einem Gramm Materie steckt, berechnet werden:

E = 0,001 kg × (299.792.458 m/s)² ≈ 89.875.517.874 Joule

Das sind rund 90 Billionen Joule – oder etwa 25 Tausend Kilowattstunden. Genug Energie, um sieben Haushalte ein Jahr lang mit Strom zu versorgen. Im menschlichen Körper steckt – rein rechnerisch – die unfassbare Energie von 1,875 Milliarden Kilowattstunden. Damit ließe sich ein mittelgroßes Rechenzentrum jahrzehntelang betreiben oder eine halbe Million Haushalte ein Jahr lang versorgen.

Diese Formel zeigt aber auch: Energie ist das Ursprünglichste überhaupt. Dass Strahlung und die vier Grundkräfte mit Energie zu tun haben, leuchtet ein. Aber Materie?

Ja! Es gibt sogar einen – leider furchtbaren – Beweis: die Atombombe.

Und genau deshalb hat die Formel auch eine tiefgreifende philosophische Bedeutung. Sie berührt das Verständnis unseres Seins auf fundamentaler Ebene.

Sein ist aus physikalischer Sicht Energie. Und das ist eine Erkenntnis, an der kein Philosoph vorbeigehen kann.

  • Die Materialisten sagen: Ich habe es doch immer schon gewusst!
  • Die Idealisten sagen: Ich habe es doch immer schon gewusst!

Denn Energie ist zweifellos ein materielles Phänomen – aber kein greifbares Ding. Sie ist ein Potenzial. So kann auch Geist oder Bewusstsein auf sie projiziert werden. Wie wir von Kant wissen, ist hier das Feld für Spekulationen offen. Denn von der Energie selbst gibt es keine sinnliche Anschauung im Sinne Kants.

Seltsamerweise hat ein Zeitgenosse Einsteins – der Philosoph Martin Heidegger, der das Thema des Seins explizit ins Zentrum seiner Philosophie stellte – keinerlei Bezug zur Relativitätstheorie genommen. Ebenso wenig griff er die zu seiner Zeit entstehende Quantenphysik auf, die diese "geronnene Energie" zumindest mathematisch zu fassen begann.

In seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ beschreibt Heidegger das menschliche Dasein als ein ständiges In-Bezug-Stehen zum Sein. Das Besondere am Menschen sei nicht sein materielles Dasein, sondern das Bewusstsein seiner Endlichkeit, sein Bewusst-Sein.

Doch anstatt sich den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit zu öffnen – Einstein, Planck, Heisenberg – zog sich Heidegger später in eine sprachliche Dunkelheit und Mystik zurück. Aus moderner Perspektive war das eine vertane Chance, sein ursprünglich geniales Denken weiterzuentwickeln.

Denn vielleicht ist es genau diese Formel E = mc², die – zusammen mit den Quantenformeln – ins Herz des Seins führt. In dessen Struktur. Die Formel ist keine trockene Rechenvorschrift. Sie ist eine Verdichtung von Weltwissen.

Sein ist Energie.

Und Energie ist stetiger Wandel. Stetige Wirkung. Wirklichkeit. Leben. Handeln. Denken.

Diese Formel erinnert uns daran, dass in allem, was ist, eine unfassbare Kraft steckt. Auch in uns.

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